Die Profilneurotiker
Short Stories

Mein kleines Einhorn

von mir und Tris ^^ so etwas kommt raus, wenn gewisse Leute ihren Spitznamen zu kindisch finden....

Mein kleines Einhorn

Leises Schnarchen aus dem hinteren Teil des Tourbusses weckte mich. Wo war die Badelatsche, wenn man sie brauchte? Schlaftrunken wollte ich aufstehen. Seltsam, irgendwie wollten meine Glieder nicht, wie ich wollte. Ich streckte die Hand aus und tastete nach meiner Uhr, um zu sehen, wie spät es war. Dabei stieß ich mit den Fingerspitzen gegen die Wand und es ertönte ein merkwürdiges Geräusch: Donk. Komisch. Ich stieß noch einmal sachte an den Kunststoff: Donk – schon wieder. Ich runzelte die Stirn, schob es auf meine Müdigkeit und wollte mich umdrehen. Es ging nicht. Ich versuchte, zum Lichtschalter zu greifen. Donk – erneut. Aber wenigstens flammte langsam das Licht an. Allerdings gefiel mir ganz und gar nicht, was ich jetzt sah. Statt meiner rechten Hand erblickte ich hornige Hufe. Ungläubig starrte ich auf den dunklen Huf, ohne zu registrieren, was ich da sah. Meine gesamten Finger waren verschwunden, inklusive Handfläche und Hand überhaupt. Dort, wo eigentlich mein Handgelenk sein sollte, sah ich weiß-silbernes Fell, welches sich über meinen gesamten Unterarm zog, oder was das auch immer nun war. Aber nicht nur meine Hand war nicht mehr so, wie ich sie von gestern Abend in Erinnerung hatte. Meine Klamotten waren verschwunden und anstatt meiner normal beharrten Brust war ebenfalls weiß-silbernes Fell ohne Ende zu sehen. Von meiner neuen Anatomie ganz zu schweigen. „Leute?“, fragte ich zögernd, aber statt Worte kam nur ein Wiehern über meine Lippen. Erschrocken biss ich mir auf die Zunge und hielt den Atem an. Meine Nüstern (Nüstern?) bebten, als ich vorsichtig Luft holte. Mit etwas Schielen konnte ich meine Nase sehen, besser gesagt, das, was jetzt meine Nase war. Komisch war das schon – wie viele Leute wachten auf und waren ein Pferd? Diese Zahl dürfte prozentual gesehen sehr gering sein. Merkwürdig war, das mich der Zustand nicht wirklich erschreckte – eher verblüffte. Ich versuchte, meine Beine – beziehungsweise jetzt Hufe – anzuziehen und aufzustehen. Bei Pferden sah das immer so einfach aus. Mit einem lauten Poltern schaffte ich es, zumindest von meinem Bett auf den schmalen Gang zu fallen. Ein Vorhang öffnete sich und Bastis verschlafenes Gesicht kam hervor: „Mensch Micha, kannst du nich leiser sein?“ Ich erstarrte. Was würde er jetzt sagen? Würde er schreien oder so? Nein, er schien mich gar nicht zu bemerken, denn er murmelte noch etwas Unverständliches, zog den Vorhang wieder zu und schien einfach weiter schlafen zu wollen. Also blieb mir nichts anderes übrig, als irgendwie auf meine Situation aufmerksam zu machen und wieherte lautstark. Erneut ging der Vorhang auf und ein Kissen flog auf mich zu: „Du klangst aber auch schon mal besser... Klappe!“ Statt eines Protestes kam wieder nur ein Wiehern hervor. Ein weiterer Vorhang öffnete sich. „Sag mal, wirst du krank, oder wat?“, fragte ein übermüdeter Marco. Er reckte seinen Kopf aus der schmalen Schlafkabine und blickte mich an. Sein verschlafener Blick wurde zu einem irritierten Stutzen. „Ick träume, oder?“, ungläubig rieb er sich die Augen. Langsam wurde ich wütend. Ich fing an, ihn böse anzustarren. „Ähm... Leute... Wir haben ein Einhorn im Bus!“, versuchte er die anderen zu wecken. Einhorn, was meinte er mit Einhorn? „Ja, dat letzte. Und?“, murmelte Reiner verschlafen hinter seinem Vorhang. Jetzt erschien auch Boris´ Gesicht. Erst schlaftrunken, dann skeptisch musterte er mich. „Jungs?“, gab er fragend von sich. Endlich rang sich auch der Rest durch und blickte in den Gang. Fassungslos starrten sie mich an. Nur Basti hatte sich immer noch in seiner Schlafkabine verbunkert. Noch nie einen Sänger kurz nach dem Aufstehen gesehen?, ging mir doch den Kopf. Ich wollte es schon laut fragen, aber es wäre eh nur ein Wiehern hervorgekommen. Wahrscheinlich schlief ich immer noch seelenruhig in meiner Koje und dieser Traum war auf das miese Catering gestern Abend zurückzuführen. „Ein... Einhorn...“, stammelte Kay ungläubig. „Ach komm, das is doch nur ein Pferd mit einer angeklebten Möhre, wahrscheinlich nur ein doofer Scherz von Micha.“, meinte Py. Er stand auf und griff an meinen Kopf und zerrte an etwas. Ich schnaufte und zog meinen Kopf in die entgegengesetzte Richtung, als ich in seine gezogen wurde. Scheinbar hatte ich wirklich ein Horn. Ich wieherte erneut protestierend. „Das sitzt wirklich fest...“, meinte Py und ließ immer noch nicht los. Langsam wurde es mir zu bunt. Ich versuchte nach ihm zu schnappen, woraufhin mich Pymonte endlich los ließ. Nun krabbelte auch Marco neugierig aus seiner Koje. So gut es ging, schob er sich in dem engen Gang an mir vorbei und betrachtete mich eingehend von allen Seiten. Allmählich fühlte ich mich wie ein Ausstellungsstück. Außerdem wurde mir bewusst, dass ich immer noch auf meinem Hintern saß und es reichlich unbequem wurde. Energisch trat ich mit dem rechten Hinterbein nach Marco, der gerade günstig dahinter stand und beobachtete schadenfroh, wie er erschrocken ins Straucheln geriet. „Hey...“, protestierte Marco. Erneut versuchte ich auf die Beine zu kommen, was mir auch beim zweiten Anlauf gelang. Unsicher stand ich endlich auf meinen Beinen. Allerdings machte das die Situation nicht besser. Ich stand immer noch eingekeilt in dem engen Flur und konnte mich nicht mal umdrehen. Na danke! Nach und nach bekam ich ein Gefühl dafür, wie sich Pferde in diesen Anhängern fühlen mussten. Die Antwort lautete: beschissen. Mittlerweile war auch Boris aus seiner Koje gestiegen und machte einen Versuch, mich zu streicheln. Irgendwie sträubte sich jede Faser meines Körpers dagegen, von ihm berührt zu werden. Allgemein begann ich mich in der unmittelbaren Gegenwart meiner Kollegen unwohl zu fühlen. Warum...? Stopp, mal kurz nachdenken, was weis ich alles über Einhörner? Sie sind Fabelwesen in der Gestalt eines Pferdes, mit einem Horn in der Mitte der Stirn. Reine, unschuldige Wesen, die nur von einer Jungfrau berührt werden können... Ich seufzte. Darin lag wahrscheinlich der Hase begraben. „Wo ist eigentlich Micha?“, unterbrach Kay Boris Bestrebungen mich berühren zu wollen. Mit einem Ruck zog Reiner den Vorhang meiner Schlafkabine zur Seite. Logischerweise war sie leer – ich stand ja schließlich auf dem Gang. Die Blicke der Fünf wanderten geschlossen von der Koje zu mir und wieder zurück. „Ne... “ „Dat kann doch nich sein...“ „Ick bin doch nich blöde... “ „Dat is n Traum, oder?“ „Dann träumen wir aber alle dasselbe... “, wurden die einzelnen Kommentare laut. Von der angestiegenen Lautstärke erneut geweckt, machte sich Basti bemerkbar. „Wat is´n los, verdammt noch mal...?“ „Notfall, du Schlafmütze – steh endlich auf!“ Recht unsanft riss Morgenstern den Vorhang zur Seite, hinter dem das verschlafene Gesicht von Basti erschien. Er blinzelte ein paar Mal, dann endlich schienen seine Nervenbahnen wach genug zu sein, um das, was er sah, an das Gehirn weiter zu leiten. Denn plötzlich wurde sein Gesichtsausdruck fassungslos. „Nee...“, war alles, was er hervorbrachte. „Doch.“, kommentierte Py trocken. Derweilen versuchte ich, Schritt für Schritt nach hinten zu gehen, was sich als nicht ganz einfach erwies. Schließlich hatte ich, trotz meiner veränderten Gestalt, auch bloß zwei Augen, und die saßen nicht am Hinterkopf. Aber der Impuls, endlich aus der Nähe der anderen zu kommen, war stärker. So tastete ich mich vorsichtig den Gang entlang, bis ich mit dem Hinterhuf an Plastik stieß. Erleichtert atmete ich auf. Ich hatte den vorderen Teil des Busses erreicht. Jetzt musste ich es nur noch schaffen, mich umzudrehen und an den Hebel zu kommen, der die Tür öffnete.
Allerdings hatte ich etwas vergessen. „Wat isn hier los? Wer hat das Pferd in den Bus gelassen?“, ertönte eine Stimme in meinem Rücken. Gleichzeitig spürte ich eine Hand auf meinem Allerwertesten. Ich stieß einen Schrei aus, der eher wie eine Mischung aus Wiehern und Quietschen klang und machte einen Satz nach vorne. Schmerzhaft rempelte ich mir die Schulter an dem Kunststoffgestell der Schlafkojen an. Nun kam die Stimme, die keinem geringeren als Carsten gehörte, näher. „Ick will wissen, wat dat soll!“ Er klang sichtlich wütend. Ratlose Gesichter blickten ihm entgegen. „Wir wüssten auch gerne, was das hier ist.“, meinte Kay schließlich. Carsten trat noch einen Schritt vor, doch er merkte, dass er keine Antwort bekommen würde. Anscheinend wusste hier wirklich keiner Bescheid. Er ließ seinen Blick über die Anwesenden schweifen. „Wundert mich, dass Micha bei dem Krach nicht aufgewacht ist.“, meinte er schließlich. Ha ha. Heute in der Witzkiste übernachtet? Ich war der Erste! Empört schnaubte ich, während Kay endlich das in Worte fasste, was im Prinzip schon alle wussten. „Micha ist weg...“, meinte er sehr zögerlich, während er mich anstarrte. Fieberhaft überlegte ich. Sie wollten es immer noch nicht wirklich glauben, dass ich das war. Ich musste es ihnen irgendwie beweisen. Ich drehte den Kopf und stieß mir die Stirn an dem gegenüberliegenden Kojengestänge an. So gut es ging schielte ich nach oben und erkannte endlich eine Spitze, die ein Stück über meinem Kopf schwebte. Anscheinend war Marcos Aussage richtig. Ich war kein Pferd. Ich war ein Einhorn. Daher auch meine Scheu vor Menschen.
Plötzlich wurden meine Beine butterweich. Fast stolperte ich über meine eigenen Hufe, während ich versuchte, das Wanken unter Kontrolle zu bringen. Diese endgültige Erkenntnis war ein zusätzlicher Schlag für mich. Was sollte das? Ich verstand die Welt nicht mehr. Kein normaler Mensch wird einfach so zum Einhorn!
Ich musste raus hier, und zwar schleunigst. Aber wie machte ich das begreifbar? Noch immer standen alle dicht um mich herum und gafften.
Es war Boris, der mich aus meiner Misere rettete. „Sag mal, bist du’s wirklich, Micha?“, fragte er endlich. Erleichtert nickte ich. So konnte ich mich wenigstens verständigen. „Okay... und wie ist das passiert?“ Schultern zucken ging schlecht, deswegen legte ich den Kopf schief und blinzelte, zum Zeichen, dass ich keinen blassen Schimmer hatte. Dann peitschte ich ungeduldig mit dem Schweif und deutete auf die hintere Bustür. Reiner, der dieser am nähesten stand, griff nach dem Hebel und betätigte ihn. Mit einem Zischen schwang sie auf und ich ging erleichtert darauf zu. Auf dem Weg dorthin zerquetschte ich fast Marco, der noch immer ungläubig im Gang stand und es nicht fertig brachte, rechtzeitig zur Seite zu gehen. Mir war es in diesem Moment egal, ich wollte nur raus.
Die paar Stufen zu überwinden gestaltete sich noch einmal als schwierig, da die schmalen Stiegen nicht eben für vier Beine konstruiert waren. Ich löste das Problem auf tierische Art und Weise: Ich machte einfach einen Satz und überbrückte sie auf einmal. Endlich stand ich vor meinem engen Gefängnis und ließ den kühlen Morgenwind über mein Fell streifen. Es fühlte sich nicht mal unangenehm an. Ein paar Mal atmete ich tief durch, dann tappte ich zögernd am Bus entlang. Die Hufen klangen unheimlich laut auf dem Asphalt. An der Frontseite des Gefährtes blieb ich stehen und blickte mein Spiegelbild in der Frontscheibe an. Ein weißes, schmales Gesicht mit einer länglichen Schnauze sah mich an. Ich war bei weitem nicht so groß wie ein ausgewachsenes Pferd, eher wie ein Pony, aber mit einer schlanken Statur und silberweißem Fell. Lediglich meine Mähne enthielt noch einen leichten Blondstich, ansonsten war ich weiß wie der Mond. Unübersehbar prangte ein gewundenes Horn mitten auf meiner Stirn. Ich sah aus, als wäre ich einem Fantasyfilm entsprungen. So konnte ich mich unmöglich zeigen. Lediglich die Tatsache, dass die Tour eben so gut wie vorüber war und wir uns auf dem Weg zurück nach Berlin befanden, beruhigte mich ein wenig. Aber wie sollte ich das meiner Familie beibringen? Ich hatte keine Ahnung. Als ich so dastand, hörte ich hinter mir Schritte. Andre kam langsam auf mich zu und blieb dann neben mir stehen. Eine Zeit lang schwiegen wir uns an, dann meinte Py: „So schlimm ist es doch auch wieder nicht. Es wird schon wieder.“ Ich blickte ihn an. „Und wenn nicht, du kannst gerne mit mir kommen und bei mir wohnen, auf dem Hof ist genug Platz.“, versuchte er mich zu trösten. Aber ich hatte verdammt noch mal keine Lust den Rest meines Lebens als Einhorn zu verbringen. Ich schnaufte und trabte wieder Richtung Buseinstieg, als der Rest fertig angezogen aus dem Bus kletterte. Fragend richtete ich meinen Blick auf meine Kollegen. „Und, wat machen wir jetzt?“, erkundigte sich Basti. „Erst mal eene rochen.“, meinte Reiner, während er die Kippenschachtel aus seiner Tasche holte und umständlich eine ansteckte. Fast gierig blickte ich auf die Zigarette. Das wäre es jetzt. Es gibt Gewohnheiten, die legt man auch als Fabeltier nicht ab. Allerdings schien keiner zu verstehen, was ich wollte, denn niemand kam meinen sehnsüchtigen Gedanken nach. Während die Raucher ihre Sucht befriedigten und ich nur zusehen konnte, hatten Boris und Andre erneut angefangen, mich eingehend zu betrachten. Ihre starrenden Blicke gingen mir fast schon auf die Nerven, aber so lange sie nicht wieder versuchen würden, mich anzutatschen, war es auszuhalten. Basti unterbrach die beiden abrupt: „Wie wäre es, wenn wir uns erst mal was zu essen besorgen würden?“ Ich wieherte zustimmend. Langsam begaben wir uns alle wieder in den Bus. Kaum hatten alle Platz genommen und Carsten den ersten Gang eingelegt, als Boris fragte: „Aber Micha sollte im Bus bleiben...?“ Ich schnaufte angesäuert. Mein Essen würde ich mir schon selbst besorgen. „Wir können ihn doch so nicht mit in einen Supermarkt nehmen, oder?“, hakte Basti nach. „Na ja, wir könnten ihn ja verkleiden...“, warf Reiner ein. Alle blickten mich an – ich starrte böse zurück. Sie können vergessen, dass ich versuchen würde, mein momentanes Hinterteil in eine Jeans zu quetschen. Ich wieherte protestierend, aber sie ignorierten mich. Kay zog einen Pulli und eine Hose aus meinem Koffer. „Komm Micha, normalerweise hast du keine Probleme damit, dich umziehen.“, meinte er, als ich langsam versuchte, zurückzuweichen. Ich stoppte, als ich gegen Py stieß. Widerwillig ließ ich mir also den Pulli über meine Gliedmaßen ziehen, aber die Hose konnten sie vergessen. Ich würde auf meinen vier Buchstaben hocken bleiben, komme, was wolle. Kay trat gerade einen Schritt zurück, um Reiner Platz zu machen, der mir daraufhin eine Wollmütze über den Kopf zog – so gut es mit einem Horn halt ging. Die Jungs betrachteten ihr Werk – woraufhin sie in schallendes Lachen ausbrachen. Hackt nur auf mir rum – ich kann mich ja soooo toll wehren. Ich zehrte mit meinen Zähnen an meinem Pulli rum, bis sich Py erbarmte und mir die Sachen grinsend wieder auszog. „Musste halt doch im Bus bleiben.“, meinte Basti. In diesem Moment steuerte Carsten einen Parkplatz an.

Einkaufen. Endlich. Ich hatte einen Bärenhunger. Oder Einhornhunger, wie man es nimmt. Wir stiegen alle nacheinander aus dem Bus, wobei wir an Carsten vorbei mussten. Der Scherzkeks fing an zu zählen: ein Musiker, zwei Musiker, drei Musiker, vier Musiker..., ein Einhorn. Vor mich hingrummelnd folgte ich der Truppe in Richtung Supermarkt. An der Tür hielt ich kurz inne, der Rest war schon drinnen verschwunden. Ein riesiges Schild machte darauf aufmerksam, dass Hunde nicht erlaubt waren. Nun ja, ich war ja kein Hund. Und Gott sei dank hatte der Einkaufsmarkt automatische Türen. Gemächlich trottete ich zwischen den Regalen umher, auf der Suche nach etwas Essbarem. Schließlich erreichte ich die Reihe mit den Getreideprodukten. Eine Müslischachtel neben der nächsten. Mir wurde zum ersten Mal in meinem Leben bewusst, wie hoch diese Supermarktregale eigentlich waren. Und das genau mein Lieblingsmüsli scheinbar unerreichbar hoch eingeräumt worden war. Ich schnaufte verächtlich. Aber so leicht würde ich mich nicht unterkriegen lassen. Die Vorderhufen auf eines der untersten Regalbretter gestellt, dann ging ich einen Schritt mit den Hinterhufen vor und hangelte mich mit den Vorderhufen auf das nächsthöhere. Es war zwar mühselig, aber schließlich erreichte ich mit meiner Schnauze das Gewünschte und zog die Schachtel aus dem Regal. Sie fiel auf den Boden und ich biss vorsichtig in eine der Ecken der Schachtel. Jetzt musste ich nur einen der anderen finden. Ich bahnte mir einen Weg durch die Reihen, vorbei an ungläubig starrenden Einkäufern. Sollen sie halt starren, mir doch egal. Schließlich fand ich Py. Ich schüttelte die Schachtel, so dass er auf mich aufmerksam wurde. Bevor er aber etwas sagen konnte, kam uns Kay entgegen. „Sag mal, spinnst du? Warum wartest du nicht im Bus auf uns? Du kannst doch nicht so durch den Supermarkt...“ Ich funkelte ihn böse an. Der Bassist verstummte, dann seufzte er. „Jetzt ist es auch egal...“, meinte er und nahm mir die Schachtel weg. Mir blieb gar nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Wir gingen zur Kasse und stellten uns in die Schlange. Kurze Zeit später waren wir an der Reihe. Kay wollte gerade zahlen, als uns eine alte Oma anfuhr. „Ein Hund! Die Leute heutzutage haben ja keinen Anstand mehr...“, keifte sie: „Sie hätten ihren Köter draußen stehen lassen sollen. Das Vieh ist ja riesig und müffeln tut der auch schon. Und erst das Fell...“ Ich wollte gerade protestierend wiehern, als ich Kay´s Blick auf mir spürte. Also beließ ich es bei einem Schnaufen. Er versuchte beschwichtigend auf die Alte einzureden, aber es schien sinnlos. Ich trabte einfach los und ließ Kay mit der Frau einfach stehen. Sollte er sich doch um sie kümmern – sie würde mich ja eh nicht verstehen. Die Frage wäre nur, würde sie ein Wiehern von einem Bellen unterscheiden können? Ich war nicht sonderlich scharf darauf, es herauszufinden. Zumal sich die Zahl der Leute, die entgeistert guckten, auf mindestens ein Dutzend vervielfacht hatte. Schnell trat ich also durch die Schiebetür hinaus ins Freie, wobei mich die hitzige, keifende Stimme der Alten verfolgte. Dazwischen vernahm ich immer wieder Kay, der sie noch immer zu besänftigen versuchte.
Draußen stellte ich mich neben den Fahrradständer, der ein wenig abseits gelegen war, und wartete, bis der Rest kam. Der Bassist ließ auch nicht mehr lange auf sich warten, sondern stürmte alsbald zusammen mit Py aus dem Laden. Sie entdeckten mich, und Kay kam mit langen Schritten auf mich zugestürmt. „Mach das nie wieder!“, fauchte er mich an und knallte mir die Müslischachtel vor die Füße. „Es hätte nicht viel gefehlt, und die Alte hätte mir die Geschäftsleitung auf den Hals gehetzt!“ Ich sah ihn mit großen Augen an. Was konnte ich denn dafür? Glaubte der Mann allen ernstes, mir würde das Spaß machen? Langsam wurde ich ein wenig wütend. Ich bin hier das Opfer, verdammt noch mal! Warum verlangt eigentlich alle Welt andauernd, dass ich mich rechtfertige? Mit einer schnellen Bewegung schnappte ich nach der Schachtel und trabte beleidigt in Richtung Bus, ohne darauf zu achten, ob mir jemand folgte oder nicht. Ich stieg ein und legte mich in meine Koje. Kurz darauf kamen die anderen, die ich mit Nichtachtung strafte. Nachdem alle ihren Platz eingenommen hatten, startete Carsten den Motor und fuhr weiter in Richtung Berlin. Während der ganzen Fahrt ging ein Schweigen durch den Bus.

Wir kamen am Proberaum an – na endlich. Ungeduldig scharrte ich mit den Hufen bis Carsten endlich die Bustüre öffnete. Mit einem Satz war ich draußen und trabte in Richtung Übungsraum. Vor der verschlossenen Tür ließ ich mich nieder und wartete, bis Reiner schließlich mit dem Schlüssel kam und aufsperrte. Kaum war sie einen Spalt offen, schlüpfte ich durch und machte es mir auf dem Sofa bequem. Tragen konnte ich eh nichts – außer sie wollten es darauf ankommen lassen, mich als Packesel zu missbrauchen. Dann würde ich ihnen aber zeigen, was es bedeutet, ein Einhorn zu sein. Ich grinste innerlich bei diesen Gedanken. Nach und nach trugen die Jungs das gesamte Equipment hinein. Irgendwann musste ich aber eingeschlafen sein, denn ich wurde von einer hitzigen Diskussion geweckt. „...so kann er aber nicht singen!“ „Wir brauchen einen Ersatz, sonst haben wir morgen ein Problem.“ „Na ja, er ist immerhin ein musikalisches Einhorn, vielleicht sollten wir ihn mal im Takt wiehern lassen...?“ Die Band saß im Proberaum verteilt und beratschlagte also, was wegen dem morgigen Konzert gemacht werden sollte. Ich streckte meine Glieder, setzte mich auf und wieherte. Die anderen blickten mich an, dann redeten sie weiter. Bevor ich erneut auf mich aufmerksam machen konnte, klopfte es an der Tür. Basti stand auf und öffnete sie. Es war Puck. Gut gelaunt wie immer betrat er den Proberaum. „Na, alles dufte Jungs?“, fragte er lächelnd. Ich starrte ihn böse an, aber schien mich nicht bemerkt zu haben. Py räusperte sich vernehmlich: „Sieht es denn so aus?“ Puck warf ihm einen erstaunten Blick zu. „Äh...“, meinte er erstaunt, als er die ernsten Gesichter der sechs ansah. Reiner nickte in meine Richtung. Gekonnt rückte ich mich noch ein wenig in Pose und setzte eine besonders leidende Miene auf. Pucks Kopf ruckte in meine Richtung. Er blinzelte. Einmal. Zweimal. Dann wandte er sich wieder den anderen zu. „Da ist nichts.“, behauptete er felsenfest überzeugt. Ich wusste gar nicht, das Pferde – entschuldigt, EINHÖRNER – empört gucken können. Jedenfalls sprang ich auf, war mit wenigen Schritten bei Puck und zerrte an seinem T-Shirt. Dann jedoch sah ich zu, dass ich so schnell wie möglich das Weite suchte. Er schreckte mich fast noch mehr ab als der ganze Rest der Band zusammen. Sehr interessant zu erfahren, was für ein liederliches Leben manche Leute in meiner Umgebung führten. „Leute, da ist ein Pferd in eurem Proberaum.“, stellte unser Merchandiser schließlich mit nahezu fantastischer Sachlichkeit fest. Wow. Der merkt aber auch alles. „Das ist kein Pferd. Das ist Micha.“, stellte Basti sofort richtig. Danach folgte erst einmal langes Schweigen. „Erst mal eene rochen...“, meinte Reiner. Zusammen mit Marco und Kay verließ er den Proberaum. Der Rest blieb mit mir zurück. Puck starrte mich immer noch an. „Ihr wollt mich doch verarschen, oder? Wo ist jetzt Micha?“ Basti seufzte: „Glaub mir, es ist Micha. Und wenn doch nicht, dann würde ich meinen, dass wenn Micha ein Einhorn wäre, sich genauso aufführen würde.“ Py schüttelte den Kopf: „Wir können es selbst fast nicht glauben, aber es spricht einiges dafür...“ Allmählich ging mir dieses Gespräch auf die Nerven – da war mir das Schweigen schon lieber. Sie taten fast so, als ob ich eben gestorben sei. Ich wieherte kurz, dann stieg ich vom Sofa und ging nach draußen.

Ich trabte auf Kay zu. Er stand dort mit Marco und Reiner und rauchte eine Zigarette. Die Schachtel hatte er noch in der Hand, genau auf meiner Höhe. So lautlos wie es für mich in meiner jetzigen Gestalt möglich war, trottete ich auf ihn zu. Langsam näherte ich mich mit meiner Schnauze der halboffenen Schachtel und zog Stück für Stück gemächlich eine Kippe heraus. Dann stupste ich ihn mit der Schnauze an. Kay blickte mich an: „Was...?“ Dann sah er die Kippe in meinem Maul. Ziemlich begriffsstutzig heute. Ich schnaubte und stieß ihn erneut an. Zögernd nahm er sein Feuerzeug und wollte mir endlich Feuer geben, als er inne hielt. „Eigentlich bist du das letzte Einhorn, das Letzte seiner Art... möchtest du wirklich am Aussterben einer Rasse durch Lungenkrebs Schuld sein?“ Ich starrte ihn erneut böse an. Wenigstens DAS konnte ich in meiner jetzigen Gestalt tun. Die Zigarette im Maul hielt ich ihm immer noch entgegen – es verfehlte nicht seine Wirkung. Endlich gab er mir Feuer, was aber erneut zu einem Problem führte. Wie sollte ich jetzt einen Zug nehmen, ohne die Kippe zu verlieren? Reiner sah das Dilemma. Er ließ mich einen Zug machen, nahm mir dann die Zigarette ab und hielt sie für mich, während ich den Rauch ausstieß. Marco musste sich derweilen ein Lachen verkneifen. War auch besser so für ihn, dachte ich grimmig.

Kurz darauf betraten wir wieder den Proberaum. „So, und, wer soll jetzt singen?“, fragte Boris. Blicke wanderten. Und blieben haften. Auf Puck. Dieser spürte die sieben Blicke und füllte sich nicht gerade wohl dabei. „Ick kann nich singen, verjesst es!“, widersprach er. Ich wieherte zustimmend, schließlich war ich hier der Sänger. „Keine Widerrede! Basta.“ „Wir haben keine Wahl, schließlich haben wir morgen Abend einen Auftritt, woher sollen wir sonst jemanden herkriegen, der unsere Lieder kennt?”, warf Py ein. „Wir probieren es einfach!“, setzte Kay einen drauf. Ich wieherte protestierend, wurde aber ignoriert. Gut, dann sollen sie es eben probieren. Ist doch nicht meine Schuld, wenn sie sich blamieren. Ich trollte mich wieder auf das Sofa, während sich der Rest seine Instrumente schnappte und Puck ans Mikro schob. Es würde zumindest eine interessante Darbietung werden. Gespannt wartete ich darauf, dass sie anfingen. Erst mal mussten sie sich auf ein Lied einigen. Die Wahl fiel auf „Küss mich“. Gerade dieses Lied, mit dem sich keiner von uns so richtig anfreunden konnte. Hätte ich es gekonnt, ein breites Grinsen hätte jetzt mein Gesicht geziert. Die Jungs spielten die ersten Akkorde, aber Puck stand schüchtern hinter dem Mikrofon, als ob er sich dahinter verstecken wollte. Marco gab ihm einen kleinen Schubs, dann fing Puck zaghaft an zu singen, wenn man es singen nennen wollte: „Ich weis, ich weis, wie du heißt – ich weis, ich weis, was du treibst – kann nicht mehr schlafen, kann nicht mehr essen – ich bin von deinem Anblick besessen – ich weis, ich weis, wie du fühlst – ich weis, ich weis, wann du lügst...“ Na ja, es klang besser, als ich vermutet hatte, aber immer noch grottenschlecht. Ich stand auf und marschierte in Richtung unseres Merchandisers und schob ihn prompt mit meinem Kopf weg. Den Mikrofonständer warf ich einfacherhalber um und wieherte ins Mikro. Abrupt stoppte die Musik. Ich drehte mich beleidigt um und wollte erneut ein Protestgewieher von mir geben, als ich die bösen Blicke meiner Kollegen sah. Vor allem Kay schien beleidigt zu sein. „Immer machst du nur Probleme! Du denkst nur an dich!“, keifte er mich an: „Jemand mit einem so großen Ego wie du bin ich noch nie begegnet!“ Ich starrte ihn böse an, ich wollte doch nur meinen Platz in der Band verteidigen. Und Puck war wahrlich nicht als Sänger geeignet. „Wir haben morgen ein Konzert, du kannst nicht singen... Was sollen wir denn tun? Dich auf die Bühne und „Küss mich“ wiehern lassen? – Hallo Leute, dürfen wir vorstellen? Dat letzte Einhorn... und dann führen wir dich ans Mikro? Einige würden dat vielleicht witzig finden, ich aber nicht. Wir sind eine Rockband und keine Komödianten... Wenn schon, dann haben wir unseren Beruf verfehlt!“ Er fuhr sich durchs Haar. Es war deutlich zu merken, dass er sauer war. Aber ich hatte keine Lust, vor ihm zu kuschen. Also wieherte ich ihn böse an. „Toll – willst du das morgen auch bringen?“, fragte er sarkastisch. Jetzt langte es mir aber. Ich versuchte nach ihm zu treten, traf ihn aber nicht. Wütend blickte mich Kay an, dann stürmte er aus dem Proberaum. Der Rest schaute mich schweigend an. „Ich glaube, wir lassen es für heute besser sein...“, meinte Andre. Die Jungs packten ihre Sachen zusammen, dann verließen sie mich ebenfalls. Sollen sie eben gehen, mir doch egal. Ich nahm wieder meinen Platz auf dem Sofa ein und fing an, aus unserem Fenster zu blicken.

Trübselig starrte ich aus dem kleinen Fenster des Proberaumes. Der Mond war inzwischen weitergewandert, es war ungefähr zwei Uhr nachts, doch ich fand keinen Schlaf. Der Streit mit Kay lag mir immer noch im Magen. Aber was sollte ich denn machen – ich konnte es doch auch nicht ändern. Ich wusste, das Streiten sinnlos war, aber gleichzeitig war ich zu stolz (oder auch zu trotzig) um mich zu entschuldigen.
Ein lautloses Seufzen drang über meine Lippen, während ich mir weiterhin das Hirn zermarterte. Ich wurde erst aus meinen Gedanken gerissen, als ich ein Knirschen vernahm. Die Tür öffnete sich scharrend und ich erkannte aus den Augenwinkeln eine Gestalt die hereinkam. Schon an den Schritten bemerkte ich, wer es war. Ich drehte mich nicht um, sondern schloss die Augen und spielte noch ein wenig beleidigte Leberwurst. Trotzdem lauschte ich aufmerksam, was weiterhin geschah.
Kay näherte sich bis auf einen Meter, dann blieb er stehen. „Micha? Bist du wach?“, fragte er leise. Ich konnte ein Ohrenzucken nicht verhindern. Hm. Mist, er hatte es gesehen. Egal, antworten konnte ich ihm eh nicht, was soll’s. „Es tut mir leid wegen vorhin.“, druckste der Bassist schließlich herum. Aha, ein Einsichtiger. Ich zuckte erneut mit den Ohren, zum Zeichen, dass ich verstanden hatte. Kay seufzte daraufhin vernehmlich. Ein unangenehmes Schweigen breitete sich zwischen uns aus, was mich schließlich dazu veranlasste, die Augen zu öffnen und den Kopf zu drehen. Mein Bandkumpane stand da und knetete verlegen seine Hände. „Wenn du sonst noch was brauchst, gib Bescheid, irgendwie.“, meinte er schließlich. Nein, mir ging es bestens, danke der Nachfrage – obwohl, Pizza wäre jetzt nicht schlecht, am besten Tunfisch und Zwiebeln, mit extra Kapern, Käse und Sardellen. Und meine menschliche Identität, die wäre auch nicht schlecht. Aber ansonsten ging es mir blendend. Langsam stand Kay auf. „Ick geh dann mal wieder... Morgen früh kommen wir wieder und bringen dir was zum Frühstücken.“ Ich ließ den Kopf wieder sinken. Leise schnappte die Tür ins Schloss, nachdem Kay gegangen war. Einsam und allein blickte ich erneut aus dem Fenster.

Das Klacken des Türschlosses weckte mich. Die Sonne schien in den Proberaum und tauchte ihn in fahles Licht. Alle sechs kamen durch die Tür hinein, und Py trug eine kleine Holzkiste, die er vor mir abstellte. Ich reckte meinen Kopf und blickte hinein. Salat, ein paar Möhren, Äpfel – war ja schon mal ein Anfang. Erwartungsvoll standen die anderen vor mir und warteten darauf, dass ich anfing zu essen. Wütend schnaubte ich sie an. Netterweise verstanden sie es und verteilten sich im Raum und starrten dezenter. Ich wollte mir gerade einen Apfel schnappen, als Marco grinsend vor mir in die Hocke ging. „Ick habe da noch was für dich.“ Er zog eine Packung Kleintierheu hervor. Verärgert versuchte ich nach ihm zu schnappen. Allerdings wich Marco rechtzeitig aus, aber aufgrund der Überraschung verlor er das Gleichgewicht. Er ruderte mit den Armen und versuchte, die Balance zu halten. Bevor er aber hinterrücks fiel, verlagerte er sein Gewicht nach vorne. Dummerweise zuviel. Geschockt sah ich, dass er wie in Zeitlupe in meine Richtung fiel. Mein letzter Gedanke, bevor ich in Ohnmacht fiel, war: Nein, keine Jungfrau...!

Ich schreckte auf und stieß mir meinen Kopf an der Decke meiner Koje. Schmerz zuckte durch meinen Schädel und ich rieb mir mit meiner Hand über die schmerzende Stelle. Moment – Hand? Wie gebannt starrte ich auf meine Finger. Vor Freude überwältigt sprang aus meiner Schlafkabine. „Leute, ich bin kein Einhorn!“, rief ich laut, ehe mich eine Badelatsche mitten ins Gesicht traf. „Doch, dat letzte. Und?“, murmelte Reiner verschlafen hinter seinem Vorhang. Dummerweise konnte ich ihm nicht böse sein – ich war so glücklich darüber, dass alles doch nur ein Alptraum war. Ich wollte gerade wieder unter meine Bettdecke schlüpfen, als mir etwas auffiel. Auf meinem Kopfkissen lag ein Büschel silberweißes Fell.
RottenCoffee am 11.10.07 20:08


Minne, Met & Mädels

Diese Shortstory ist von Tris und mir; sie entstand in der "Geflickten Trommel" in Regensburg und ist ein relativ witziges Märchen a la "Vänner och Frände"

Minne, Met & Mädels

Es begab sich damals, im Jahre des Herren 2006, in einer kleinen Taverne mit dem gar wundervoll klingenden Namen „Zur geflickten Trommel“, dass fürchterliche Langeweyle Einzug hielt. Ein fast jeder Gast starrte arg trüblich gegen die Wand, als gäbe es nichts erquicklicheres mehr im Leben. Der Anlass war, wenn auch bescheiden, rasch gefunden: Die werten Herren Musiker, welche an diesem schönen Abend hätten aufspielen sollen zur Unterhaltung des einfachen Volkes, waren nicht erschienen. Selbst die Vorzüge des ach so geliebten Getränkes – Met – verlockten nicht. So saßen denn die Männer und Frauen des Dorfes um das Feuer und bliesen Trübsal. Auch der Wirt ward von der vorherrschenden Melancholie befallen, weyl wie es so schön lautet: wo der Wein fließt, das Gold rollt, und der Schankmeister hegte für den heutigen Abend keinerley Hoffnung auf die Bewahrheitung der Redeweyse. Innygst wünschte er sich von Herzen, dass etwas geschehen und Kurzweyl in sein Haus einziehen würde. Noch eynstweylen er diesen Gedanken nachsynnte, mit einem Lappen den Schanktisch demütig wischte und besorgten Blickes bemerkte, wie die ersten Gäste aufstanden und sich zum Gehen wandten, öffnete sich mit einem Male die Tür. Geblendet musste der Schankmeister die Ougen schließen, denn ein gar göttliches Licht ging von den Gestalten aus und erfüllte den Raum mit unbeschreiblichen Glanze. Behangen mit Fetzen und Schellen, die so laut wie Hunde bellen und ebenso reich mit Instrumenten bestückt, betraten sieben Spilleut´ die Stube und verharrten erst einmal an der Pforte. Dergleichen gebannt wie der Wirt, hielten die Gäste ein und staunten. Die Gestalten in ihren bunten Gewändern schienen ein Geschenk Gottes zu sein. Froudig eilte der Schankmeister den Spilmännern entgegen. „Edle Spilleut´, wäret ihr wohl so gütig und würdet in diesen bescheidenen Räumlichkeiten Minne & Kurzweyl verbreiten? Ihr möget auch fürstlich entlohnt werden.“ Einer der sieben, ein hochgewachsener Mann in der Mitte seines Alters und mit strohfarbenem Haar, trat sogleich hervor und sprach: „Edler Herr, ich sehe sehr deutlich, dass es Euch hier an Zerstreuung mangelt! Sehet Euch nur all diese betrübten und vergrämten Mienen an! Musizieren wollen wir, doch der Preis für unser Spiel wird nicht gering sein.“ „Haben sollet ihr, was ihr begehrt, ob Wein, Met oder Speyss, verwehre ich euch nicht. Freilich spielt!“ „Ihr habt es gehört, meine Gefährten!“, rief der Vorgetretene. Sodann schickten die Spilleut´ sich an, nahmen eine Ecke der Schenke in Beschlag und ließen eine gar herrliche Melodey erklingen. Die Musik entfaltete sogleich ihre Wirkung und wie von Magie berührt, erhellten sich die Mienen der Gäste. Einer von ihnen, der die Nicklharpa vortrefflich beherrschte und es verstand, durch sein Aussehen das Weibsvolk zu betören, trat nun vor und begann eine neue Weise. Just tat es ihm der dunkelhaarige Cisterspieler, dessen stetige Fröhlichkeit redlich ansteckend wirkte, nach und stimmte in die Melodey ein. Auch der etwas grimmige dreynblickende Davulspieler ergriff sein Instrument und ein blondhaariger Jüngling mit wachen Ougen, einem kleinen, geflochtenem Zopf an der Seite und einem schelmishen Zug um den Mund, ergriff seine Schalmei. Beide fielen in die Musik ein. Ougenblicklich auch gesellte sich ein weiterer Dunkelhaariger hinzu, der seinen Trumscheit an die Schulter hob und den Bogen nahezu zärtlich über die Saite gleiten ließ. Als Letzter war es ein stämmiger Mann mit der Statur eines Bären, jedoch einnehmendem Antlitz, der das Stück mit sanften Harfenklängen abrundete. Der Blondschopf, der schon zu Anfang die Stimme erhoben hatte, ließ nun eben jene mit schiffsplankengleicher Rauigkeit erklingen. Doch war der Gesang erlesen und schmeichelte den Ören, sowohl den der Männern als auch der Frauen. Fremde Worte wurden von seinen Lippen geformt, die von alten Sagen, Geschichten und Mythen erzählten. Er wusste es mit Bravour, die Leute in seinen Bann zu ziehen. Mit wachsender Begeisterung spielten die Musiker eine Melodey nach der anderen. Die Gemüter wurden immer ausgelassener und der Wein floss in Strömen. Der Wirt hatte Mühe, so schnell nachzuschenken, wie der Rebensaft die Kehlen hinabfloss. Jedoch konnte er sich an keinen Abend erinnern, an dem seine Geldlade so prall gefüllt war. Stillschweigend dankte er dem Himmel, der ihm die sieben Spilleut´ gesandt haben musste. Und sie spielten ohne Unterlass, ein Lied nach dem anderen, und wurden nicht müde. Lediglich um ihre Kehlen zu befeuchten, setzten sie kurz die Instrumente ab. Und der Abend wurde länger und länger, und das Morgengrauen kam näher. Aber das konnte dem Spiel der Musiker nichts anhaben. Derweilen fiel ein Zecher nach dem anderen im vollen Rausche um.
Es dauerte keine ganze Stunde, bis nicht einer mehr gerade stand. Selbst der Wirt war hinter dem Schanktisch zusammengesunken, beide Hände fest um die Geldlade geklammert. Aus so manchen Winkel ertönte ein leises Grunzen oder Schnarchen, ansonsten herrschte kein wacher Laut mehr im Raum. Kaum war das letzte Stück verklungen, als auch schon der Sänger sprach: „Unser Werk ist getan. Voll sind ihre Ranzen, schwer die versoff´nen Schädel. Kommt, lasset uns den versprochenen Lohn nehmen und von danne ziehen.“

Die Sonne stand hoch am Horizont, als der Erste erwachte. Leise schmatzend wandte er den Kopf, um sein Weib zu wecken. Doch statt in ihr holdes Antlitz zu blicken, sah er in das Gesicht eines Mannsbildes. Erschrocken sprang er auf, und sein Gegenüber fiel auf den Boden. Von dem Gepolter geweckt, erwachte die Taverne. Seinem Traum noch nachhängend und die volle Geldlade liebevoll im Arm, stand der Wirt auf. Er ließ seinen schläfrigen Blick über die Schankstube gleiten und erblickte die erstaunten Gesichter seiner männlichen Gäste. „Pest und Cholera!“, rief er aus, als ihm gewahr wurde, was fehlging: sämtliche Weibsbilder waren verschwunden. Verstörten Blickes lief er in die Küche, um nach seinem eigenen Frauenzimmer zu sehen. Doch die Feuerstelle war verlassen, Töpfe und Krüge standen herum. „Weib! Komm sofort her!“, schrie er laut. Doch nichts rührte sich. Langsam dämmerte ihm, wer dafür verantwortlich war: die Spilleut´, von denen ebenfalls keiner mehr gegenwärtig war. Missmutig lief er in die Schankstube zurück. Er riss die Türe auf und blickte den leeren Weg, der zur Schenke führte. Denn nun begriff er, was mit dem hohen Preis gemeint war. Von da an beschloss der Wirt, nie wieder einen Spilmann in sein Heim zu lassen.


- ENDE -

Und wenn die Spilleut´
nicht gestorben sind,
dann spielen sie noch heut´... .
RottenCoffee am 11.10.07 20:06


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