Die Profilneurotiker
Minne, Met & Mädels

Diese Shortstory ist von Tris und mir; sie entstand in der "Geflickten Trommel" in Regensburg und ist ein relativ witziges Märchen a la "Vänner och Frände"

Minne, Met & Mädels

Es begab sich damals, im Jahre des Herren 2006, in einer kleinen Taverne mit dem gar wundervoll klingenden Namen „Zur geflickten Trommel“, dass fürchterliche Langeweyle Einzug hielt. Ein fast jeder Gast starrte arg trüblich gegen die Wand, als gäbe es nichts erquicklicheres mehr im Leben. Der Anlass war, wenn auch bescheiden, rasch gefunden: Die werten Herren Musiker, welche an diesem schönen Abend hätten aufspielen sollen zur Unterhaltung des einfachen Volkes, waren nicht erschienen. Selbst die Vorzüge des ach so geliebten Getränkes – Met – verlockten nicht. So saßen denn die Männer und Frauen des Dorfes um das Feuer und bliesen Trübsal. Auch der Wirt ward von der vorherrschenden Melancholie befallen, weyl wie es so schön lautet: wo der Wein fließt, das Gold rollt, und der Schankmeister hegte für den heutigen Abend keinerley Hoffnung auf die Bewahrheitung der Redeweyse. Innygst wünschte er sich von Herzen, dass etwas geschehen und Kurzweyl in sein Haus einziehen würde. Noch eynstweylen er diesen Gedanken nachsynnte, mit einem Lappen den Schanktisch demütig wischte und besorgten Blickes bemerkte, wie die ersten Gäste aufstanden und sich zum Gehen wandten, öffnete sich mit einem Male die Tür. Geblendet musste der Schankmeister die Ougen schließen, denn ein gar göttliches Licht ging von den Gestalten aus und erfüllte den Raum mit unbeschreiblichen Glanze. Behangen mit Fetzen und Schellen, die so laut wie Hunde bellen und ebenso reich mit Instrumenten bestückt, betraten sieben Spilleut´ die Stube und verharrten erst einmal an der Pforte. Dergleichen gebannt wie der Wirt, hielten die Gäste ein und staunten. Die Gestalten in ihren bunten Gewändern schienen ein Geschenk Gottes zu sein. Froudig eilte der Schankmeister den Spilmännern entgegen. „Edle Spilleut´, wäret ihr wohl so gütig und würdet in diesen bescheidenen Räumlichkeiten Minne & Kurzweyl verbreiten? Ihr möget auch fürstlich entlohnt werden.“ Einer der sieben, ein hochgewachsener Mann in der Mitte seines Alters und mit strohfarbenem Haar, trat sogleich hervor und sprach: „Edler Herr, ich sehe sehr deutlich, dass es Euch hier an Zerstreuung mangelt! Sehet Euch nur all diese betrübten und vergrämten Mienen an! Musizieren wollen wir, doch der Preis für unser Spiel wird nicht gering sein.“ „Haben sollet ihr, was ihr begehrt, ob Wein, Met oder Speyss, verwehre ich euch nicht. Freilich spielt!“ „Ihr habt es gehört, meine Gefährten!“, rief der Vorgetretene. Sodann schickten die Spilleut´ sich an, nahmen eine Ecke der Schenke in Beschlag und ließen eine gar herrliche Melodey erklingen. Die Musik entfaltete sogleich ihre Wirkung und wie von Magie berührt, erhellten sich die Mienen der Gäste. Einer von ihnen, der die Nicklharpa vortrefflich beherrschte und es verstand, durch sein Aussehen das Weibsvolk zu betören, trat nun vor und begann eine neue Weise. Just tat es ihm der dunkelhaarige Cisterspieler, dessen stetige Fröhlichkeit redlich ansteckend wirkte, nach und stimmte in die Melodey ein. Auch der etwas grimmige dreynblickende Davulspieler ergriff sein Instrument und ein blondhaariger Jüngling mit wachen Ougen, einem kleinen, geflochtenem Zopf an der Seite und einem schelmishen Zug um den Mund, ergriff seine Schalmei. Beide fielen in die Musik ein. Ougenblicklich auch gesellte sich ein weiterer Dunkelhaariger hinzu, der seinen Trumscheit an die Schulter hob und den Bogen nahezu zärtlich über die Saite gleiten ließ. Als Letzter war es ein stämmiger Mann mit der Statur eines Bären, jedoch einnehmendem Antlitz, der das Stück mit sanften Harfenklängen abrundete. Der Blondschopf, der schon zu Anfang die Stimme erhoben hatte, ließ nun eben jene mit schiffsplankengleicher Rauigkeit erklingen. Doch war der Gesang erlesen und schmeichelte den Ören, sowohl den der Männern als auch der Frauen. Fremde Worte wurden von seinen Lippen geformt, die von alten Sagen, Geschichten und Mythen erzählten. Er wusste es mit Bravour, die Leute in seinen Bann zu ziehen. Mit wachsender Begeisterung spielten die Musiker eine Melodey nach der anderen. Die Gemüter wurden immer ausgelassener und der Wein floss in Strömen. Der Wirt hatte Mühe, so schnell nachzuschenken, wie der Rebensaft die Kehlen hinabfloss. Jedoch konnte er sich an keinen Abend erinnern, an dem seine Geldlade so prall gefüllt war. Stillschweigend dankte er dem Himmel, der ihm die sieben Spilleut´ gesandt haben musste. Und sie spielten ohne Unterlass, ein Lied nach dem anderen, und wurden nicht müde. Lediglich um ihre Kehlen zu befeuchten, setzten sie kurz die Instrumente ab. Und der Abend wurde länger und länger, und das Morgengrauen kam näher. Aber das konnte dem Spiel der Musiker nichts anhaben. Derweilen fiel ein Zecher nach dem anderen im vollen Rausche um.
Es dauerte keine ganze Stunde, bis nicht einer mehr gerade stand. Selbst der Wirt war hinter dem Schanktisch zusammengesunken, beide Hände fest um die Geldlade geklammert. Aus so manchen Winkel ertönte ein leises Grunzen oder Schnarchen, ansonsten herrschte kein wacher Laut mehr im Raum. Kaum war das letzte Stück verklungen, als auch schon der Sänger sprach: „Unser Werk ist getan. Voll sind ihre Ranzen, schwer die versoff´nen Schädel. Kommt, lasset uns den versprochenen Lohn nehmen und von danne ziehen.“

Die Sonne stand hoch am Horizont, als der Erste erwachte. Leise schmatzend wandte er den Kopf, um sein Weib zu wecken. Doch statt in ihr holdes Antlitz zu blicken, sah er in das Gesicht eines Mannsbildes. Erschrocken sprang er auf, und sein Gegenüber fiel auf den Boden. Von dem Gepolter geweckt, erwachte die Taverne. Seinem Traum noch nachhängend und die volle Geldlade liebevoll im Arm, stand der Wirt auf. Er ließ seinen schläfrigen Blick über die Schankstube gleiten und erblickte die erstaunten Gesichter seiner männlichen Gäste. „Pest und Cholera!“, rief er aus, als ihm gewahr wurde, was fehlging: sämtliche Weibsbilder waren verschwunden. Verstörten Blickes lief er in die Küche, um nach seinem eigenen Frauenzimmer zu sehen. Doch die Feuerstelle war verlassen, Töpfe und Krüge standen herum. „Weib! Komm sofort her!“, schrie er laut. Doch nichts rührte sich. Langsam dämmerte ihm, wer dafür verantwortlich war: die Spilleut´, von denen ebenfalls keiner mehr gegenwärtig war. Missmutig lief er in die Schankstube zurück. Er riss die Türe auf und blickte den leeren Weg, der zur Schenke führte. Denn nun begriff er, was mit dem hohen Preis gemeint war. Von da an beschloss der Wirt, nie wieder einen Spilmann in sein Heim zu lassen.


- ENDE -

Und wenn die Spilleut´
nicht gestorben sind,
dann spielen sie noch heut´... .
11.10.07 20:06
 


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