Die Profilneurotiker

Der Traum vom Leben



»Wenn Du denkst Du hast alles
und merkst – Du hast nichts.«

 
Kapitel 1 – Das weiße Kleid


Die Sonne scheint durch das Fenster, die hellen Strahlen kitzeln auf der Nase des alten Mannes. Er starrt durch das leblose Glas auf die Straße. Sie ist leer. Laub wirbelt wild umher, wie tanzende Kinder die sorglos in den Tag hinein ihr Leben leben.


„Ihre Tabletten Herr Lutter.“, rüttelt ihn eine sanfte, dennoch strenge Stimme aus seinen Gedanken. „Ihre Tabletten.“, wiederholt sie sich währen ihre Augen langsam seine klägliches Gestalt mustern.
„Sie sehen mich nicht“, flüstert er.


Sie beugt sich zu ihm. „Natürlich sehe ich sie.“, flüstert sie leise zurück. „Sie sitzen auf einem alten, maroden Stuhl, die Hände ineinander gefaltet auf dem Schoß liegend, sie zittern leicht. Ihr graues Haar ist wie immer ungekämmt, auf ihrer Stirn sind Falten, ihre leblosen Augen sind auf die Straße gerichtet, und sie versuchen wie jeden Tag auf sich aufmerksam zu machen. Ohne Worte, ohne Bewegung, hoffen sie das jemand ihnen zuhört, ihrem schweigen, das jeden Tag auf´s neue eine Geschichte erzählt. Die Geschichten vom Leben.“ Sie macht eine kurze Pause. „Ich sehe sie, und ich höre ihnen zu, jeden Tag. Ihre Tabletten...“
Sie legt ihm die bunten Pillen in die Hand und er schluckt sie. Sie reicht ihm ein Glas Wasser, er trinkt es.


„Sie sehen mich nicht.“, sagt er erneut und starrt weiter aus dem Fenster.
„Jeden Tag haben wir diese Diskussion. Sie sind ein vierundachtzig Jähriger alter sturer Mann der jedem ins Auge fällt der den Raum betritt. Sie haben nie Besuch, sie reden kaum, tun so als würden sie ihre Tabletten schlucken um sie später in einem der Blumentöpfe verschwinden zu lassen, in der Hoffnung es würde niemand merken. Und ich tue so als würde ich es nicht sehen. Ich sehe sie immer, ich sehe sie in ihrem Schlafanzug, ich sehe sie nackt, ich sehe sie heimlich weinen, ich sie sie sogar wenn sie draußen in die Geranien pinkeln um den Gärtner zu ärgern. Sie sind einfach unübersehbar.“
Endlich sieht er sie an. „Warum haben sie es nicht gemeldet?“
„Die Tabletten?“, sie räuspert sich. „Die sollten sie ruhig stellen - warum sollte ich sie ihnen also überhaupt geben? Keiner merkt den Unterschied. Wenn ihr Urinbeutel nicht jeden Tag voll wäre würden wir sie für tot erklären.“
„Ein Gutes Argument“, sagt er leise. Seine Stimme ist rau. Er holt die Tabletten aus seinem Mund und steckt sie in einen der Blumentöpfe. „Das hier bin ich nicht.“
„Wer sitzt dann vor mir?“ fragt sie leise lachend.
„Nicht ich.“

Sie runzelt die Stirn und sieht ihn fragend an. „Hallo, ich bin Ava.“, sie lacht ihn an und reich ihm die Hand.
Er kann sich das Lachen nicht verkneifen. Die kleine zierliche Frau mit den langen dunkelbraunen Haaren und den grünen Augen die nun vor ihm steht hat plötzlich nichts mehr von einer Pflegerin. Der weiße Kittel wirkt nicht mehr wie ein Kittel, eher wie ein Kleid und die gelb-grünen Kotzeflecken scheinen sich in Blumen zu verwandeln. „Ich bin Kay.“, er schüttelt ihre Hand und lächelt sie an.
„Was machst du hier?“
„Urlaub.“ sagt er leise und sucht in seiner Hosentasche nach einer Zigarettenschachtel. „Ich war wochenlang auf Tour. Kennst du in Extremo? Die Band? Ich bin Bassist!“ „Nein, aber ich würde dich gern spielen hören. Seid ihr gut? Also die Band. Spielt ihr große Konzerte? Ich liebe Konzerte.“
„Wie man`s nimmt. Ich kann für dich Spielen.“ Er bewegt seine Hände, als würde er seinen Bass aus dem Koffer holen. Er schließt seine Augen und spielt darauf.
„Du hast keinen Bass in der Hand.“, sagt sie Lachend.
„Stell dir vor es wäre einer....“
Sie schließt die Augen. „Spiel lauter.“
Er lacht und spielt. Er spielt als als würden ihm tausend Menschen zuhören.
„Ich höre dich, es ist wunderschön.“
„Jetzt siehst du MICH.“ Er hört auf zu spielen und sucht erneut nach der Zigarettenschachtel.
„Du wirst keine finden.“
„Was?“ Er dreht sich erneut zu ihr.
„Zigaretten.“, sagt sie Lachend. „Hier wird nicht geraucht.“
Er zieht die buschigen braunen Augenbrauen nach oben.
„Aber ich kann dir welche besorgen.“, flüstert sie leise, so das nur er es hören kann.
„Und Bier?“, grinst er, wohl wissend das sie nein sagen wird.
„Was du möchtest.“ Ihre grünen Augen funkeln als sie das glitzern in seinen Augen bemerkt.
Er holt einen knittrigen Zettel aus der Hosentasche und zieht den Kugelschreiber aus ihrer Linken Kitteltasche. Er schreibt eine Liste. Eine lange Liste und gibt sie ihr.
„Das ist ganz schön viel.“ Sie sieht ihn verwundert an.
Er starrt wieder aus dem Fenster.
Sie holt einen Notizblock aus ihrer Kitteltasche, schreibt etwas darauf, reißt das Blatt heraus und legt es auf seinen Schoß. „Meine Liste ist nicht so lang.“, lacht sie und verlässt den Raum.
Minuten vergehen. Die Blätter tanzen immer noch im Wind und die Sonne kitzelt wieder in seinem Gesicht. Er liest den Zettel. „Morgen möchte ich DICH wieder sehen.“

24.9.07 18:07
 


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